Juzi-Titel

Auseinandersetzung zum Auftritt der Band Chefdenker (November 2010)

Am 10. Dezember sollen die Chefdenker im Juzi auftreten. Kritik, die an Texten der Band beziehungsweise deren Vorgängerband Casanovas Schwule Seite geäußert wurde, führte zu einer langen Diskussion. Um es gleich vorweg zunehmen, so richtig glücklich sind wir mit dem Ergebnis unserer Diskussion nicht. Die Positionen liegen unvereinbar weit auseinander, der letztendlich gefundene Konsens ist kaum als Ergebnis zu bezeichnen und strapaziert die Kompromissbereitschaft aller auf äußerste. Umso wichtiger ist es uns, die verschiedenen Positionen der Diskussion möglichst genau wiederzugeben. Zum einen soll unser Ergebnis erklärt werden, zum anderen wollen wir damit aber auch andere Leute auffordern die Diskussion aufzugreifen, weiter zu führen und für die Zukunft vielleicht andere Lösungsansätze zu erarbeiten.

In der Diskussion war relativ schnell klar, dass wir kein grundsätzliches Auftrittsverbot für Chefdenker haben wollen. Viele Texte bedienen sich zwar einer drastischen Sprache, allerdings ist in den stark überzeichneten Texten die Ironie für uns als Stilmittel klar erkennbar. Mensch kommt nicht auf die Idee, hier könnten sexistische Zustände beschönigt werden. Sehr uneins waren wir aber bei der Bewertung und Umgang mit "Facetten der Liebe". Aus Sicht eines gewaltausübenden Mannes wird eine Zweierbeziehung beschrieben. Bürgerlichen Klischees wie Paris-Besuch oder Schwänefüttern werden Gewaltszenen gegenübergestellt.

Wir sehen in dem Aufbau des Textes eine bewusste Entscheidung der Band. Die vermeindlichen Gegensatzpaare beschreiben Beziehunsalltag wie ihn viel zu viele erleben. Die drastischen Bilder verdeutlichen, dass das Gewaltförmige oft Bestandteil einer Beziehung ist oder sein kann. Also auch dieser Text ist für uns als Kritik an sexistischen Zuständen zu verstehen, wenn sich einige auch eine deutlich formulierte Kritik gewünscht hätten.

Trotz, oder gerade wegen der drastischen und durchaus realen Bilder, die der Text beschreibt, stellt "Facetten der Liebe" für einige von uns aber eine Grenzüberschreitung dar. Nicht nur Menschen, die selbst sexuelle Gewalt erlebt haben, werden mit den Bildern, die das Lied erzeugt, alleine gelassen. Nicht jeder, auch noch so realen Darstellung von Brutalität muss im Juzi eine Plattform geboten werden.

Dem bewusst gewählten Stilmittel auf der einen, steht auf der anderen Seite eine Grenzverletzung gegenüber. Können einige von uns einen solchen Text als bewusste Kritik an gesellschaftlichen Zuständen auf der Juzi-Bühne akzeptieren, haben für andere solch krasse und drastischen Gewaltbilder im Juzi keinen Platz.

In dieser Situation haben wir uns entschieden Chefdenker aufzufordern, das Lied "Facetten der Liebe" am 10. Dezember nicht zu spielen. Da wir aber die Stilmittel einer Band, Kritik zu formulieren nicht zensieren wollen, können und wollen wir das Lied im Juzi nicht verbieten.

Unsere Diskussion zeigt, dass wir unterschiedliche Grenzen haben und wir keine allgemeingültige auch in der Zukunft anwendbare Grundlage finden konnten, die ein Verbot rechtfertigen würde.

Wir hoffen, dass unsere Gründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben deutlich geworden sind. Und vielleicht hat ja jemand anderes bessere Ideen, wie in solchen Situationen verfahren werden kann.

Juzi-KO im November 2010

Antwort von Chefdenker

Hallo Juzi KO,
soetwas haben wir noch nie erlebt. Daraufhin haben auch wir ein Plenum gehalten und eine Zusammenfassung des Diskussionsverlauf möchten wir euch zukommen lassen.

In der Diskussion war relativ schnell klar, dass der eine Teil von uns gerne ausschließlich das Lied "Facetten der Liebe" in eurem Juzi spielen würde; und der andere Teil von unserer Band würde gern das Konzert absagen, um am neuen Album zu arbeiten auf dem weitere Chefdenker Lieder mmit ironischen Texten zu hören werden.

Wir fassen Eure Kritik als Absage auf und nehmen diese Absage mit bedauern an.

Wir werden also nicht am Freitag, 10.12.10 nach Göttingen fahren. Schade, aber es würde definitiv keinen Sinn machen, nach so einer Mail.

Grüße Chefdenker

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